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KlimaHaus: Marke oder Modewort?
Diskussionsrunde mit Norbert Lantschner, Christoph Mayr-Fingerle und Walther Andreaus


Energiesparend, umweltfreundlich und zukunftsorientiert: Argumente, die für das KlimaHaus sprechen sollten. Südtirol Panorama bat den zukünftigen Direktor der Südtiroler KlimaHaus-Agentur Norbert Lantschner, den Bozner Architekten Christoph Mayr-Fingerle und Walther Andreaus von der Südtiroler Verbraucherzentrale zur Diskussionsrunde.

 

Südtirol Panorama: Herr Lantsch ner, Sie sind der Vater des Südtiroler KlimaHauses, was für eine Plakette hat Ihr eigenes Haus?

Norbert Lantschner: Das im Kopf oder das in der Wirklichkeit? Ich habe zwar klare Vorstellungen, wie ich bauen würde, aber noch nicht das Glück, selber bauen zu können. In der Wirklichkeit wohne ich in einem älteren Gebäude, das nicht dem Klima- Haus-Standard entspricht.

Das Klimahaus ist energiesparend, umweltfreundlich und zukunftsorientiert. Spricht eigentlich nichts dagegen?
Norbert Lantschner:
Wir müssen uns heute mit Fragen beschäftigen, die rund um die Themen Energie, Ressourcen und Klima kreisen. In den 60er- und 70er- Jahren, als der Bauboom grassierte, hatten diese Themen keinen Stellenwert. Damals spielte der Ölpreis auch noch keine Rolle, dementsprechend hat man gebaut. Heute wissen wir, dass die Ressourcen immer knapper werden. Die Konsequenz daraus: Alles, was weniger wird, wird teurer. Häuser sind eines der wenigen Produkte, die langlebig sind. Deshalb müssen wir das heutige Wissen um die Energieknappheit mit einfließen lassen. Auch nicht zu vergessen ist die Umwelt- und Klimabelastung, die den enormen Energiekonsum verursacht. Wenn wir viele der damals gebauten Häuser nicht auf einen Standard bekommen, den die Menschen bezahlen können, werden wir soziale Dramen erleben.

Christoph Mayr-Fingerle: Um an die Eingangsfrage anzuknüpfen: Ich bin im Haus meines Großvaters aufgewachsen, das 1928 gebaut wurde. Das Gebäude präsentiert sich heute noch in hervorragendem Zustand, nur einmal wurde die Fassade gestrichen und die Dachziegel erneuert. Ich will damit lediglich ausdrücken, dass es sich bereits 1930 herumgesprochen hat, dass bestimmte Architekten eine sehr gute, auch nachhaltige Qualität liefern können. Die Klimaerwärmung ist sicher ein Thema, dem man sich stellen muss. Deshalb ist es lobenswert, dass es die KlimaHaus-Initiative gibt. Gute Architekten und Planer haben aber immer schon über diese Dinge nachgedacht und in ihre Arbeit mit einbezogen. Die KlimaHaus-Diskussion reduziert sich ausschließlich auf das einzelne Objekt, das gesamtheitliche Denken fehlt vollkommen. Die Frage sollte auch lauten: Wie soll das Gebäude in die Landschaft gesetzt werden? Welche Form und Ausstrahlung hat das Gebäude oder auch welche Atmosphäre das Haus transportiert.

Norbert Lantschner: Ältere Bauten wurden tatsächlich unter dem Aspekt Nachhaltigkeit gebaut, weil die Ressourcen schon damals wertvoll und teuer waren. Entgleist ist das nicht nachhaltige Bauen erst in der Nachkriegszeit.

Ist das KlimaHaus aber nicht zu einem Modewort geworden?
Norbert Lantschner:
Ein Klima- Haus garantiert behagliche Wärme im Winter und ist angenehm frisch im Sommer, und das mit geringstem Energieaufwand. Es hat beim „Plus“ zusätzlich den Anspruch, Kriterien der Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Dem KlimaHaus ist es gelungen, eine komplexe Materie auf eine sehr verständliche Sprache herunterzuholen, den Kunden wieder in diesen Prozess einzubinden und ihm jene Rolle zu geben, die er haben muss. Eben nicht, dass er sich lediglich mit der Auswahl von Böden und Wasserhähnen beschäftigt und den Rest den Fachleuten überlässt. Durch die Transparenz des Energieausweises hat er heute die Möglichkeit mitzureden. Der große Vorteil dabei: Der Kunde wünscht ein bestimmtes Produkt, und der Planer muss es liefern können.

Walther Andreaus: Das Klima- Haus ist sicher ein Gewinn für die Verbraucher, weil sie erstmals ein offizielles Dokument in die Hand bekommen, das etwas über die Qualität der Wohnung oder Hauses aussagt. Das ist ein gro ßer Schritt nach vorne. Aber es ist nicht die Lösung aller Probleme: Das KlimaHaus sagt noch lange nichts über die Qualität der verwendeten Materialien aus. Ich empfinde auch die Kategorisierung in A, B oder C als zu viel der Abkürzung: Viele Verbraucherinnen und Verbraucher könnten meinen, mit einem B-KlimaHaus mit allem in Ordnung zu sein. Das ist nicht der Fall. Der Wärmebedarf stimmt zwar, aber die Qualität der verwendeten Materialien oft nicht. In letzter Zeit mehren sich bei uns Klagen mit klassischen Mängeln wie etwa Schimmel. Und wenn man kein gut gebautes KlimaHaus hat, nehmen auch die Energiekosten nicht ab.

Norbert Lantschner: Da muss ich widersprechen: Wo Klima- Haus draufsteht, ist auch Klima- Haus drinnen. Ein Gebäude wird erst dann geprüft und eingestuft, wenn es fertiggestellt ist. Mit dem Energieausweis haben wir ein Zwischenglied zwischen Kunden, Planern, Baufirmen, Handwerkern und Immobilienfirmen geschaffen, das unabhängig die Qualität des Endproduktes prüft. Dass diese Informationen in einer verständlichen Sprache vermittelt werden müssen, davon bin ich felsenfest überzeugt. Aber nicht alle KlimaHäuser, die als solche verkauft werden, verdienen die Kennzeichnung. Diese berufen sich lediglich auf die Eigenerklärung des Planers oder der Immobilienfirma. Hier können natürlich Schäden auftreten, haben aber mit dem von uns zertifizierten KlimaHaus nichts zu tun. Schimmel ist in einem echten KlimaHaus aufgrund der höheren inneren Oberflächentemperaturen der Außenwand nicht möglich.

Sie werden Energiewerte zertifizieren können, aber nicht die Grundqualität des Baus, etwa auch die Dauerhaftigkeit des verwendeten Materials?
Norbert Lantschner: Unser Maßstab ist die Qualität, und die erfordert eine umfangreiche Ausund Weiterbildung. Bisher haben rund 1600 Handwerker und über 3000 Planer aus ganz Italien an den KlimaHaus-Kursen teilgenommen. Weiters sind fachliche Beratung und kompetente Kontrolle notwendig.

Herr Lantschner, was ist dran am Vorwurf der ff, dass die neu ins Leben gerufene Agentur mit den KlimaHaus-Zertifikaten Handel betreiben will?
Norbert Lantschner: Das Klima- Haus-Projekt hat die ersten CO² Zertifikate weltweit im Gebäudebereich erhalten. Inzwischen wollen auch andere dieses Projekt kopieren. Es geht hier nicht um reguläre Zertifikate des Emissionshandels, denn die sind nur der Energie- und Großindustrie vorbehalten. Drei Dinge sollte man wissen: Mit unseren Zertifikaten werden Klimaschutzprojekte gefördert. Zum anderen werden damit keine Verschmutzungsrechte erworben. Und nicht zuletzt unterstützt das Land, das ja Projekteigentümer ist, mit eventuellen Erlösen Klimabündnis- Initiativen in Ecuador. Ein KlimaHaus-Besitzer allein könnte ein solches Projekt gar nicht entwickeln, weil es die internationalen Mechanismen nicht vorsehen.

Darf der niedrige Energieverbrauch zum alleinigen Faktor beim Bau eines Hauses werden?
Christoph Mayr-Fingerle:
Das darf er nicht. Der Energieverbrauch ist nur ein Element des Menüs. Menschen sind in Zeiten der Überinformation aber empfänglicher für einfache Dinge, und deshalb ist ein guter Slogan einfacher zu vermitteln als komplexe Zusammenhänge. Zu erklären, was ein gutes Haus ausmacht, ist natürlich schwerer zu sagen als: „Mit einer Wärmedämmung von 30 Zentimetern bist du in Ordnung.“ Man macht damit aber keine Aussage über die Qualität der Architektur.

Walther Andreaus: Lassen Sie mich auf ein weiteres Problem hinweisen: Zumal der Kunde jetzt einen Ferrari im Hausbau bekommt, werden die Kosten von den Herstellern in die Höhe getrieben. Wie lange sich der Kunde das leisten kann, weiß ich nicht. Höhere Qualität könnte ja auch durch Rationalisierung- oder Innovationspotenziale gesichert werden. So durch Bestrebungen, Materialien billiger herzustellen. Nicht zuletzt muss sich im Bereich des Rechts etwas ändern: Etwa durch verbindliche Regeln für eine einheitliche, transparente und vollständige Bauleistungsbeschreibung. Oder dass man bei Baumängeln eine Beweislastumkehr einführt: Der Hersteller und nicht der geschädigte Hauseigentümer soll in den ersten beiden Jahren die Beweislast tragen.

Norbert Lantschner: Bleiben wir bei den Tatsachen. Die Hauptlast für die Brieftasche einer Familie resultiert aus den Heizkosten, das ist Faktum. Eine Familie zahlt jährlich zwischen 1.500 und 2.000 Euro nur an Heizkosten. Man kann doch nicht erwarten, dass man nur mehr arbeitet, um für die Heizkosten aufzukommen.

Walther Andreaus: Aber man zahlt 8.000 bis 9.000 Euro jährlich für das Haus ...

Norbert Lantschner: Die Heizkosten sind die Hauptlast: vor dem Auto und den Stromkosten ...

Walther Andreaus: ... Das stimmt nicht. Das Auto verschlingt 5.000 Euro im Jahr.

Norbert Lantschner: Bei einer mittleren Verkehrsleistung eines Autos von 12. bis 14.000 Kilometern im Jahr, bezahlt man für die Benzin- oder Dieselkosten weniger als für die Heizkosten einer Wohnung von 100 m². Heizen ist aber kein Luxus, das Auto hingegen schon, weil man alternative Fortbewegungsmittel benutzen kann. Eine warme Wohnung gehört meines Erachtens zu den Grundrechten eines Menschen.

Und gesamtheitlich betrachtet?
Norbert Lantschner:
Ich will die Problematik gesamtheitlich betrachten, aber wir müssen uns Prioritäten geben. Was uns fehlt, ist Zeit. Der Klimawandel wird uns eine Rechnung präsentieren, die wir, wenn wir so weitermachen, nicht mehr bezahlen können. Im Gebäudebereich liegt ein enor mes Einspar- und Klimaschutzpotenzial. Beispiel: In Südtirol liegt der mittlere Verbrauch im Jahr bei rund 20-21 Liter Heizöl pro m² Wohnfläche. Beim KlimaHaus A liegen wir dagegen bei drei Litern. Das sind gewaltige Sprünge. Natürlich muss man die Qualität bezahlen, aber rechnen wir das dem Kunden vor: Die Gebäudehülle, die notwendig ist, um diesen Verbrauch zu erzielen, ist in weniger als 10 Jahren wieder drinnen. Ich gebe jedem schriftlich, dass wir die heutigen Energiepreise nie wieder sehen werden.

Christoph Mayr-Fingerle: Letztendlich braucht es mehr Information. Bereits Kinder in der Schule sollten lernen, wie eine gute Wohnung oder ein interessanter Grundriss ausschauen soll. Das gehört zum kulturellen Selbstverständnis und ist spätestens beim Kauf der ersten Wohnung von praktischem Nutzen. Es geht nicht nur um den Klima-Aspekt, sondern um den generellen Aspekt des Wohnens und der Architektur.

Norbert Lantschner: Mit gezielten Aktionen in Schulen versuchen wir bereits, das Energiebewusstsein der Kinder zu sensibilisieren. Wir bauen ja nicht nur Häuser, wir bauen die Zukunft mit diesen Häusern. Gleichzeitig müssen wir einsehen, dass wir mit Gesetzen nicht weiterkommen. Es gibt die dritte Genera tion von Wärmeschutzgesetzen in Italien, die nichts anderes als Papier und Kosten produziert haben. Wir brauchen primär keine neuen Gesetze, sondern müssen mit den Kunden kommunizieren.

Walther Andreaus: Ich habe auch nicht neue Gesetze für das KlimaHaus gemeint, sondern neue Gesetze für die Rechte der Konsumenten. Man kann die Rechte der Konsumenten nicht mit Gesetzen vergleichen, die nichts mit ihnen zu tun haben.

Norbert Lantschner: Wärmeschutzgesetze sind sehr wohl im Interesse des Kunden. Gleichwohl wie das behagliche und gesunde Wohnen, denn 90 Prozent unserer Lebenszeit verbringen wir nun mal in Innenräumen.

Christoph Mayr-Fingerle: Aber auch der Außenraum ist sehr wichtig für das Wohlbefinden und das Identifikationsmoment. Wenn man sich viele Wohnbauzonen anschaut, gewinnt man den Eindruck, dass niemand daran interessiert ist, wie es außerhalb der eigenen vier Wände aussieht. Alle identifizieren sich etwa mit den Bozner Lauben, aber niemand wird seine Gäste in das Europaviertel oder in die Reschenstraße führen.

Norbert Lantschner: Energie ist ein Baustein. Natürlich spielt der urbane Raum eine gewaltige Rolle. Das ist eine der größten Herausforderungen: Eben den Menschen die Städte zurückzugeben. Als ich kürzlich in Mailand war, wurde mir klar, warum jeder die Flucht vor dieser Moloch-Stadt ergreift. Die Lebensqualität in solchen Städten wurde zerstört.

Gibt es Visionen, wohin die Entwicklung gehen soll?
Norbert Lantschner: Die gesamtheitliche Betrachtung des Lebensraums wird sicher in den Vordergrund rücken. Genauso wie die Kriterien zur Nachhaltigkeit - also Aspekte betrachten, die sich auch außerhalb des Wohnraumes bewegen. Was wird zum Beispiel zur Vermeidung von Bodenversiegelung unternommen? Wird das Regenwasser genutzt? Wie ist diese Siedlung erreichbar? Wir wollen Klimaräume schaffen, die das Umfeld berücksichtigen – und Bewertungsmaßstäbe entwickeln, die überschaubar und finanzierbar sind.

Christoph Mayr-Fingerle: Der Slogan „Leben im Plus“ kann aber dazu verleiten, alles andere als ein „Leben im Minus“ zu bewerten. Das kann es nicht sein.

Walther Andreaus: Und was passiert, wenn dieser Qualitätsstandard nicht erreicht wird? Wir haben ein Rechtssystem, das nicht funktioniert. Der Zugang zur rechtlichen Absicherung dieser ganzen Versprechungen und Informationen ist sehr steinig. Es gibt eine Flut von Qualitätszeichen, die nur dann einen Wert haben, wenn man sie rechtlich einfordern kann.

Christoph Mayr-Fingerle: Letztlich kommen wir zurück auf archaische Dimensionen. Der Mensch braucht wieder eine natürliche Intuition für Dinge. Noch nie zuvor hatten wir einen Zugang zu so viel Informationen. Jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, was er isst und trinkt, wie viel er Sport treibt, aber auch wie er wohnt. Diese Verantwortung können wir nicht abschieben: Die übernimmt auch nicht die Klimahaus- Plakette.

Norbert Lantschner: Die Unmenge an Daten und Zahlen im Gebäudebereich erschlagen jeden Normalbürger. Die Leistung liegt darin, diese Informationen transparent zu machen. Es ist traurig, dass die EU die Kennzeichnung des Energieverbrauchs für Gebäude als Letztes eingeführt hat, nach den Haushaltsgeräten und Autos. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Zukunft der Menschheit davon abhängt, wie wir mit Energie und Ressourcen umgehen. Der derzeitige Raubbau würde bald weitere Planeten erfordern, die wir anzapfen müssten. Die haben wir aber nicht.

Christoph Mayr-Fingerle: Dieses Wissen muss man dann nur noch Präsident Bush vermitteln.

 
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