Der Weg von Christine Müller zur Südtiroler Vorzeigeunternehmerin ist wohl einzigartig. Als Notaranwärterin in einer etablierten Kanzlei tätig, musste sie aufgrund mehrerer Schicksalsschläge mit Mitte vierzig beruflich nochmals ganz von vorne anfangen.
Was darf es sein, Frau Müller?
Die Juristin, die auf Unternehmerin umschulte. Christine Müller beim Tischgespräch mit Südtirol Panorama.
Das Leichteste vom Leichten: Wolfsbarsch mit Salzkartoffeln und Gemüse. Dazu gab’s stilles Mineralwasser.
Geschmack reduziert auf das Wesentliche: Erdbeeren mit Zitrone als nahezu schwereloser Abschluss.
Christine Müller mitten in ihrem Betrieb. 2004 erhielt die rührige Unternehmerin den Innovationspreis „Frauen in der Wirtschaft“.
Sie sieht so zerbrechlich aus wie das Material, für das ihr Unternehmen steht. Christine Müller, Geschäftsführerin und Eigentümerin von Glas Müller Vetri, des größten glasverarbeitenden Betriebes in Südtirol, beeindruckt nicht durch körperliche Größe, sondern durch ihre Ausstrahlung.
Im Gespräch wird sofort klar, dass hier eine Unternehmerin steht, die weiß, in welche Richtung ihr Betrieb zu gehen hat und die weiß, wie sie dieses Ziel erreichen kann. Ihrer Körperhaltung ist anzumerken, dass sie gewohnt ist, sich durchzusetzen. Trotz ihrer 58 Jahre scheint sie vor Tatendrang zu platzen und man kann sich gut vorstellen, wie sie ihre Belegschaft – selbst voranstürmend – zu immer neuen Höchstleistungen antreibt. „Es stimmt schon“, gibt sie lächelnd zu, „langweilig wird meinen Mitarbeitern mit mir sicher nicht.“ Schon als Kind sei sie immer voller unbändiger Energie gewesen. Das war den Eltern dann irgendwann wohl zuviel des Guten. Jedenfalls landete das kleine „blondgelockte Energiebündel“ mit elf Jahren im Internat in Meran, wo die junge Christine Müller ihre Mittelschuljahre verbrachte.
Dass die Unternehmertochter jemals selbst in die Firma eintreten würde, war bei zwei Brüdern nie Thema. Christine Müller durfte sich auf das konzentrieren, was sie während ihrer Zeit in der Handelsoberschule lieben gelernt hatte: die Rechtswissenschaft. So kam es, dass der ehemalige blondgelockte Wirbelwind sich an der Universität in Ferrara in Bücher und Gesetzestexte vertiefte.
Die Liebe zum Fach schlug sich in den Prüfungsnoten nieder. Als Resultat wurde ihr eine Stelle an der Universität Ferrara angeboten, die sie für eine Weile annahm, bis sie sich entschloss, die Spezialisierung zur Notarin in Angriff zu nehmen.
Die Arbeit an der Universität habe ihr zwar Spaß gemacht, aber ein öffentliches Angestelltenverhältnis sei nie ihr Ziel gewesen. „Dazu war meine Prägung durch das Aufwachsen in einer Unternehmerfamilie doch zu stark“, schmunzelt sie. Deshalb sei auch nie eine Karriere als Richterin in Frage gekommen. Was hat sie am Beruf der Notarin gereizt? „Als Notar ist man eine Art Mediator. Beim Formulieren von Verträgen muss man immer alle beteiligten Parteien im Auge behalten. Im Idealfall formuliert man als Notar die Verträge so, dass es wenig Interpretationsspielraum gibt. Auf diese Weise kann es danach weniger zu Unstimmigkeiten und Streitereien kommen.“ Die im Sternzeichen Waage Geborene streitet nicht ab, einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu haben. „Das ist sicher etwas, was auch meine Entscheidungen im Unternehmen stark beeinflusst.“
Tradition. Müllers Unternehmen ist in Sachen Isolierglasproduktion italienweit bekannt und innerhalb der Region sogar Marktführer. Der Betrieb hat vor zwei Jahren sein hundertjähriges Bestehen gefeiert und ist mit Christine Müller in vierter Generation unternehmergeführt. Eben dieses Gefühl der Verpflichtung der Familie und den vorangegangenen Generationen gegenüber war es, welches das Sandwichkind – sie ist das mittlere von drei Kindern – 1997 dazu bewegte, in das väterliche Unternehmen einzutreten
Der jüngere Bruder, der sich mit dem Erstgeborenen die Führung der Firma teilte, war bereits vier Jahre zuvor plötzlich verstorben, der Vater und der zweite Bruder schwer krank. „Ich spürte einfach, dass mich meine Familie braucht, deshalb beschloss ich, von Verona, wo ich in einer Kanzlei arbeitete, wieder nach Südtirol zurückzukehren. Mir war klar, dass diese Entscheidung das Ende meines Wunsches, Notarin zu werden, bedeuten würde.“
Da sie von Glasverarbeitung und Glasproduktion keinen blassen Schimmer hatte, zog sich Christine Müller erst einmal einen grünen Arbeitsmantel über, stellte sich an eine Maschine und arbeitete mit, was ihr sofort den Respekt und die Bewunderung der Belegschaft einbrachte.
Gleichzeitig begann sie, Fachseminare im In- und Ausland zu besuchen. „Ich habe mich einfach wieder hinter die Schulbank gesetzt und angefangen zu lernen“, so Müller. „Ich dachte mir: Du hast ein Studium geschafft, also wirst du das hier auch noch lernen.“ Als innerhalb weniger Monate Vater und Bruder sterben, übernimmt Christine Müller 1998 die Geschäftsführung.
Trotz dieser Schicksalsschläge unterzieht sie das Unternehmen mit Tatkraft und Elan in den folgenden Jahren einer Modernisierung und macht es zum regionalen Marktführer. Bis heute bereut Müller ihren Beschluss, Unternehmerin zu werden, nicht: „Ich bin ein glücklicher Mensch“, gibt sie zu Protokoll. Ihre Liebe zur Juristerei ist aber trotzdem noch lebendig.
Das Faible für Paragraphen und Bestimmungen kann sie als Präsidentin des nationalen Verbandes der Flachglasverarbeiter, Assovetro, ausleben. Ein Posten, den Müller bereits in der dritten Amtsperiode innehat. Die Juristin erfüllt ihre Aufgabe so gut, dass der Verband darüber nachdenkt, seine Statuten zu ändern, um der rührigen Boznerin noch eine vierte Amtszeit zu ermöglichen.
Dauerhaft wie Glas
Die Glas Müller Vetri AG kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. 2009 feierte Geschäftsführerin Christine Müller mit ihrer Belegschaft das 100-jährige Bestehen des Betriebes, der bereits in vierter Generation inhabergeführt ist.
Die aus einem kleinen Geschäft in Bozen hervorgegangene AG produziert Multifunktions-Isolierglas mit Wärme-, Schall- und Sonnenschutz sowie Sicherheitsglas. Das Schneiden und Verarbeiten von Flachglas und der Handel mit Glas sind weitere Standbeine des Unternehmens.
Mit einer Belegschaft von 49 Mitarbeitern erwirtschaftete Glas Müller Vetri im vergangenen Jahr einen Umsatz von neun Millionen Euro. Hauptabsatzmärkte der Produkte sind Südtirol (70 Prozent) sowie Norditalien. Außerdem ist Glas Müller Vetri Gründungsmitglied der Sanco-Gruppe.
Trotz der langen Geschichte kann die Glas Müller Vetri AG als junges Unternehmen bezeichnet werden: Das Durchschnittsalter der Belegschaft beträgt 35 Jahre.
Peter Seebacher
(Erschienen im Südtirol Panorama Mai 2011)
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