Jedes Jahr pilgern im Vorfrühling rund 200 Südtiroler nach Kroatien. Beim DolomythiCup frönen sie ihrem Hobby, dem Segeln, und küren den Südtiroler Regattameister. Was treibt diese Bergmenschen aufs Meer?
Jedes Jahr pilgern im Vorfrühling rund 200 Südtiroler nach Kroatien. Beim DolomythiCup frönen sie ihrem Hobby, dem Segeln, und küren den Südtiroler Regattameister. Was treibt diese Bergmenschen aufs Meer?
Initiator. Ausgedacht hat sich die Südtiroler Segelregatta Edy Scherer, der mit seiner drahtigen Gestalt, dem bärtigen, wettergegerbten Gesicht und seiner ruhigen, tiefen Stimme jedes Klischee erfüllt, das Landratten gemeinhin von Seglern mit sich herumtragen.
Scherer ist ein Seebär, wie er im Buche steht. Der passionierte Segler – und nach eigener Aussage für lange Zeit der wohl einzige Regattasegler in Südtirol – hat vor einigen Jahren den DolomyhtiCup ins Leben gerufen (siehe Interview). Gemeinsam mit Günther Pernthaler, der selbst mit einer Crew am Cup teilnimmt. Inzwischen ist Scherer hauptberuflich Organisator des Segel-Events.
Was mit ein paar Booten begann, hat nämlich mittlerweile beachtliche Ausmaße angenommen. Ganze 16 Boote sind für den DolomythiCup gemeldet, weitere zwölf Crews möchten sich bei der gleichzeitig stattfindenden Cruiser Trophy für die erste Liga, sprich DolomythiCup 2012, qualifizieren. Drei werden es schaffen aufzusteigen, drei müssen Platz machen und werden absteigen.
Die Boote selbst sind alle gechartert und gehören innerhalb des jeweiligen Cups zum gleichen Bootstyp. Den DolomythiCup bestreiten alle Teams mit einem Boot des Typs Bavaria 42 Match, die Cruiser Trophy wird mit etwas größeren Booten des Typs Bavaria 46 Cruiser gefahren.
Geschlafen wird auf den Booten, was bei einer Bootslänge von 12,8 Metern (Bavaria 42) und 14 Metern (Bavaria 46) eine recht beengte Angelegenheit ist. Bei einer Besatzung von acht Mann müssen sich jeweils zwei eine enge Kajüte teilen. Zwei Crewmitglieder „dürfen“ sogar auf dem zum Bett umgebauten Esstisch ihre Nacht verbringen. Für die Morgen- und Abendtoilette stehen in jedem Hafen sanitäre Anlagen zur Verfügung, die mal höheren, mal etwas niedrigeren Standard aufweisen. Ein Leben also unter Bedingungen, die so manchen Campingplatz wie ein Drei-Sterne-Hotel wirken lassen. Trotzdem scheinen alle dieses Abenteuer zu genießen.
Wer die Regattateilnehmer danach fragt, warum sie segeln und vor allem, was sie dazu treibt, unter diesen rudimentären Bedingungen – die bei Regatten durchaus üblich sind – an diesem einwöchigen Wettkampf teilzunehmen, hört immer wieder die gleichen Antworten: die Nähe zur Natur, Freiheit, Abenteuerlust.
Ansteckender Ehrgeiz. Viele der Teilnehmer sind bereits seit Jahren oder gar Jahrzehnten passionierte Segler, haben aber erst beim DolomythiCup mit dem Regattasegeln begonnen. „Regattasegeln ist wirklich etwas ganz anderes, als im Urlaub gemütlich durch die Adria zu schippern“, meint einer von ihnen, der mit seiner gedrungenen, kräftigen Erscheinung und seinem gebräunten Gesicht eher wie ein Bergführer denn ein Segler aussieht. „Ich habe mir gedacht, ich werde meine Rolle auf dem Boot nach dem Motto Dienst nach Vorschrift erfüllen und nun hat mich der Ehrgeiz der anderen vollkommen angesteckt. Das hatte ich so nicht erwartet“, gesteht der Segler. Nur zum Dabeisein ist hier anscheinend niemand da. Auch nicht die Teilnehmer der Cruiser Trophy, der zweiten Liga sozusagen.
Bereits der erste geplante Wettkampftag fällt dem starken Wind zum Opfer. Windgeschwindigkeiten von bis zu 35 Knoten (rund 65 km/h) lassen ein sicheres Segeln nicht zu. Nach stundenlangem nervösen Hin- und Herkreuzen kommt über Funk die Meldung: keine Regatta heute, Aufbruch zum nächsten Hafen.
Herr über die Entscheidung Segeln oder Nicht-Segeln bei der Südtirol-Regatta ist Gert Schmidleitner. Als Wettkampfleiter entscheidet er, ob überhaupt, und wenn ja, wo und wann gesegelt wird. Ebenso fungiert er als Schiedsrichter, wenn die Besatzung eines Bootes glaubt, von anderen Teilnehmern behindert oder abgedrängt worden zu sein und deshalb Protest einreichen.
Schmidleitner ist nur abseits der Regatta ein freundlicher und lustiger Herr. Während ein Wettkampf läuft, weiß der Oberösterreicher mit dem typischen Akzent, der im Jahr bis zu zwölf Regatten leitet und ansonsten als Segel- und Mentaltrainer arbeitet, was seine Rolle von ihm verlangt: Ernsthaftigkeit und Autorität.
Über sein Handfunkgerät gibt er klare, kurze Anweisungen, die dann krächzend aus jedem einzelnen der 30 Bordfunkgeräte schallen. Knapp und bündig informiert er auch die Skipper und die Besatzungen der Boote über das, was zu tun und was geplant ist. Bei Anfragen über Funk, die erkennen lassen, dass da nicht gerade ein Segelexperte spricht, antwortet er schon mal süffisant-extraknapp.
„Seine“ Südtiroler scheint er aber trotz allem recht symphathisch zu finden. „Blondl“, wie der Österreicher mit dem fröhlichen Gesicht und der John-Lennon-Gleitsichtbrille von allen rundum genannt wird, imponiert vor allem der Zusammenhalt und die Geselligkeit der Südtiroler Segler: „Bei keiner Regatta, die ich als Wettkampfleiter begleite, sehe ich diese Geschlossenheit. Die Südtiroler segeln zusammen und feiern anschließend gemeinsam. Bei dieser Regatta herrscht immer eine sehr angenehme Stimmung.“ Auch für das Niveau der segelnden Bergler findet er anerkennende Worte: „Gerade beim DolomythiCup ist das Können der Teilnehmer sehr hoch. Nimmt man die Cruiser Trophy dazu, dann wird natürlich klar, dass das Spektrum sehr weit gespannt ist."
Ehrgeiz und Einsatz sind jedenfalls bei allen Teilnehmern da. Die zahlreichen Verletzungen, die im Laufe der Regatta anfallen, scheinen dies zu belegen: einem bereits am ersten Tag ausgerenkten Knie folgt ein gebrochener Oberarm am zweiten. Mit einem Bänderriss und einem halben, ausgeschlagenen Zahn und einem durch einen Sturz in eine Seilschlaufe verursachten Würgemal um den Hals geht der Verletzungsreigen in den nächsten Tagen munter weiter.
Die Crew, die bei allen Teilnehmern nur „Die Ärzte“ genannt wird und aus ebensolchen besteht, hat alle Hände voll zu tun. Wahrscheinlich wurden sie extra vom Veranstalter eingeladen.
Bei einer unerwarteten Böe mit geöffnetem Spinnaker geht dann auch noch beinahe einer der Skipper über Bord. Sind diese Vorfälle das Ergebnis von zuviel Wollen bei zu wenig Können oder einfach nur Pech?
Die Segler nehmen die Vorfälle jedenfalls zum Anlass, um die Ernsthaftigkeit ihres Tuns zu unterstreichen. Das ist richtiger Sport, so der allgemeine Tenor. Wohl wahr, wenngleich so manche Crew auch das Partyleben mit dem gleichen Ehrgeiz und der gleichen Ausdauer angeht wie die Regatta selbst. Auch hier ist das Spektrum zwischen den Teams wieder sehr breit.
Dass es um etwas geht und dass niemand die hinteren Ränge belegen will, wird jedes Mal in den Minuten vor dem Start klar. Gerade die Crews der am DolomythiCup teilnehmenden Yachten schenken sich nichts.
In Abständen von nur wenigen Metern und oft schon in voller Fahrt drängen sich die Boote vor der Startlinie, um beim Startschuss die beste Position zu haben. Die Anspannung der Teams ist jedes Mal spürbar und das Geschrei, wenn ein Boot dem anderen zu nahe kommt oder zu einem Manöver im letzten Moment zwingt, nur ein Beleg dafür.
Wie viele Regattasegler gibt es in Südtirol?
(Lacht) Wie Sie sehen, mittlerweile viele. Heuer haben wir insgesamt 28 Boote dabei, das sind zirka 220 Segler. Als ich vor 15 Jahren angefangen habe, Regatta zu segeln, war ich – glaube ich – der einzige Südtiroler. Oft war ich damals mit einer österreichischen Crew unterwegs. Dann, langsam langsam, haben sich immer mehr Südtiroler für diesen Sport begeistert. Inzwischen sind meine Mitsegler aus der damaligen Zeit selbst Skipper und haben ihrerseits Skipper ausgebildet, die wiederum weitere Südtiroler zum Segeln gebracht haben. Ein wenig hat sich das wie bei einem Pyramidenspiel entwickelt. Am Ende ist dadurch eine Gruppe begeisterter Südtiroler Segler entstanden.
Warum begeistern sich Ihrer Meinung nach so viele Südtiroler für das Regattasegeln?
Naja, klar ist Südtirol ein Land der Berge und ziemlich weit vom Meer entfernt. Gerade das macht vielleicht für Südtiroler die Faszination für das Segeln auf dem Meer aus. Die Berge haben wir vor der Haustür, das Meer ist weit entfernt. Diese Ferne weckt wohl die Neugierde. Und so wie die Berge sind auch das Meer und der Wind geballte Natur. Der Südtiroler ist ja traditionell sehr naturverbunden und so kann er sich auch für Meer und Wind schnell begeistern.
Ist der DolomythiCup nun ein sportliches oder ein gesellschaftliches Ereignis?
Darüber gehen die Meinungen ja ein wenig auseinander. Die Meinungen darüber sind einmal auseinandergegangen, vielleicht auch aufgrund von falschen Informationen, die über den DolomythyCup verbreitet wurden. Entstanden ist der DolomythiCup ganz klar als Regatta, also sportliche Veranstaltung. Aber natürlich man kann, oder besser: man soll, das Gesellige nicht ausschließen. Während des Rennens steht selbstverständlich das Sportliche im Vordergrund, aber danach, an der Mole, treffen sich die Teams natürlich, diskutieren Kurse, Wind und Manöver. Da kommt dann das gesellschaftliche Moment dazu. Das Gesellige ist also schon von selbst Teil des Segelsports. Gerade heuer haben sich viele Teams sehr gut vorbereitet und im Vorfeld zusammen am Gardasee trainiert. Da ist dann sehr viel Einsatz und Aufwand dabei, das ist harter Teamsport. Schließlich wird beim DolomythiCup ja der inoffizielle Südtiroler Hochseemeister gekürt. Da sind die besten Segler der verschiedenen Südtiroler Segelvereine mit dabei. Kurzum: Heute sind sich wohl alle darüber einig, dass der DolomythiCup eine sportliche Veranstaltung auf sehr hohem Niveau ist.
Mit welchen Kosten muss ein Team rechnen, um beim DolomythiCup dabei sein zu können?
Die Boote sind alle gechartert, das heißt, alle Teams starten einheitlich mit dem gleichen Bootstyp. Das ist ja auch das Faszinierende am DolomythiCup, denn auf diese Weise gewinnt das beste Team, da es keine Materialvorteile gibt. Jedes Team hat selbst die Charterkosten des Bootes zu tragen, die sich etwa auf 2.400 Euro für die gesamte Regattawoche belaufen. Für die Organisatoren kommen dann natürlich noch Kosten für die Logistik, Wettkampfleitung usw. dazu. Diese werden durch Sponsoren abgedeckt.
Der DolomythiCup ist die inoffizielle Südtirolmeisterschaft für Regattasegler und ist aus der Adriatic Sailing Week hervorgegangen, an der mehrmals Südtiroler Crews teilgenommen haben.
Bei der ersten Auflage des DolomythiCups im Jahre 2007 waren neun Teams beteiligt, ein Jahr später waren es bereits zwölf, 2009 dann schon 20 Mannschaften. Bei der Ausgabe von 2010 musste aufgrund der gemeldeten 28 Boote eine Qualifikation gefahren werden, die Dolomythi Challenge. Die sechzehn besten Mannschaften aus zwei Durchgängen traten dann im DolomythiCup 2010 gegeneinander an, um den Südtiroler Hochseemeister zu küren.
2011 haben die Veranstalter nun den vorerst endgültigen Wettkampfmodus gefunden. Die drei erstplatzierten Teams der gleichzeitig mit dem DolomythiCup stattfindenden Cruiser Trophy nehmen im kommenden Jahr am DolomythiCup teil, die drei letztplatzierten Mannschaften des DolomythiCups steigen ab und können sich im kommenden Jahr bei der Cruiser Trophy wieder für eine DolomythiCup-Teilnahme qualifizieren.
Startberechtigt für beide Regatten sind in Südtirol Geborene, die mindestens zehn Jahre in Südtirol gelebt haben, sowie all jene, die seit mindestens fünf Jahren in Südtirol ansässig sind. An den Ausgaben von DolomythiCup und Cruiser Trophy 2011 vom 7. bis 14. Mai nahmen insgesamt 28 Boote teil.
Peter Seebacher
(Erschienen im Südtirol Panorama Mai 2011)
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