Peter Schedl, Generaldirektor der Südtiroler Sparkasse, über die Auswirkungen der Schuldenkrise auf Südtirol, darüber, dass er eigentlich ganz froh ist, dass die Nachfrage nach Krediten zur Zeit nicht besonders hoch ist und warum er so manche aktuelle politische Diskussion für obsolet hält.
Südtirol Panorama: Europa hat sich zu einem Ausbau des Rettungsschirmes entschlossen. Das Schlimmste ist jetzt erst einmal abgewendet. Und nun?
Peter Schedl: Es ging vor allem darum, die Finanzmärkte zu beruhigen, denn da kam der Druck ja in erster Linie her. Das große Thema sind natürlich die Staatsschulden, ein Thema, das einfach zu lange vernachlässigt wurde. Das Problem ist jetzt, dass, um die Krise in den Griff zu kriegen, die Politiker sehr unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Und das ist in einer Demokratie mit ihren Wahlzyklen schwierig. Es führt aber kein Weg an wirkungsvollen Maßnahmen vorbei. Diese Entscheidungen werden sich dann in den Geldbeuteln vieler Leute bemerkbar machen. Das betrifft auch die kommenden Generationen. Die aktuelle Protestbewegung ist meiner Meinung nach auch in diesem Zusammenhang zu sehen. Zwar ist da viel Populismus dabei, aber auch ein „Wir wollen nicht später eure Zeche zahlen.“
Laut einer Umfrage sehen acht von zehn Italienern schwarz für die Zukunft. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?
Na ja, schwarz sehe ich nicht, aber ich sehe schon, dass schwere Zeiten auf uns zukommen. Allerdings ist es momentan auch ein bisschen Mode, alles schlecht zu reden. Man muß sich jetzt eben noch mehr anstrengen. Schauen Sie, während der letzten Finanzkrise hat man auch gedacht, die Welt würde untergehen. Jetzt, zwei Jahre später, legt beispielsweise Deutschland ein Wachstum hin, das sich niemand erwartet hatte.
Für Italien hingegen ist eingetreten, was viele erwartet haben ...
Verschuldung wird erst durch Wachstum tragfähig. Wenn das allerdings wegfällt, wie es in den letzten beiden Jahren gerade in Italien passiert ist, dann schauen die Finanzmärkte genauer hin. Der Markt fragt sich dann: Kann dieser Staat eigentlich dauerhaft seine Schulden zurückzahlen? Und welche Maßnahmen sind hier geplant? Und wenn dieser Staat dann keine glaubwürdigen Vertrauensmaßnahmen präsentieren kann – und diese Krise ist ja eine Vertrauenskrise – dann schießen sich die Spekulanten auf dieses Land ein.
Wie sollte die Politik in dieser Phase reagieren?
Die Politik sollte versuchen, wieder Vertrauen in die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit herzustellen – nicht nur durch Lippenbekenntnisse, sondern durch konkrete Maßnahmen. Der Schutzschild ist hierzu ein erster Schritt. Aber auch strukturelle Reformen müssen angegangen werden. Zum Beispiel das Thema Altersversorgung: Das ist in dieser Form nicht mehr finanzierbar. Da muss unbedingt nachgebessert werden. Für das Thema Gesundheitsvorsorge gilt das Gleiche. Das Konstrukt Europa, in dem es einfach noch zu viele unterschiedlichen Interessen der Länder gibt, macht das koordinierte Reagieren auf die Krise und den Beschluss zukünftiger Konzepte allerdings schwierig.
Sind Sie für die Übertragung von nationalen Kompetenzen der Finanz- und Wirtschaftspolitik an die EU?
Europa steht meines Erachtens an einer ganz wichtigen Wegmarkierung. Die gegenwärtige Situation ist eine Art Stresstest für Europa, den es auch aushalten wird. Aushalten muss, weil das Alternativszenario eines Europa ohne Euro meiner Meinung nach in jeder Hinsicht schlechter wäre. Ich hoffe, dass dies jetzt ein heilsamer Schock für Europa und seine Regierungen war und dass man sich sagt: In so eine Situation wollen wir nicht mehr kommen, wir müssen Vorkehrungen treffen. Es gibt für mich eigentlich nur einen möglichen Schritt, und das ist ein Mehr an Europa. Vonnöten wäre eine abgestimmtere Finanz- und Wirtschaftspolitik. Europa hat es ja jetzt schon immer schwerer, sich in der Welt zu behaupten. Nur wenn Europa einheitlich auftritt, kann es gegen die Konkurrenz aus den USA und Asien bestehen.
Im Strudel der Schulden- und Finanzkrise wurden auch das Rating von Südtirol und das Ihrer Bank herabgestuft. Italiens Schuld?
Nun, da muss man schon aufpassen. Wird da etwas missbraucht für lokalpolitische Öfen, die man befeuern will? Ich finde es jedenfalls nicht besonders stark, wenn in einer Phase, in der Italien schwach ist, Themen wie komplette Finanzautonomie oder gar Loslösung von Italien auf den Tisch kommen. Das sind sehr ernste Themen mit weitreichenden Folgen und deshalb sollten sie gut vorbereitet angegangen werden. Ich glaube auch nicht, dass der politische Wille ernsthaft da ist, diese Dinge anzugehen. Und deshalb sollte man das auch nicht immer wieder auf den Tisch knallen.
Noch mal zur Herabstufung Südtirols und der Südtiroler Banken durch die Ratingagenturen: Welche konkreten Auswirkungen hat das?
Nun, das hat für die Banken ziemlich direkte Folgen. Werden wir als Bank herabgestuft, dann wird für uns das Geld, das wir uns auf den Finanzmärkten beschaffen müssen, teuerer. Die Folge sind höhere Zinsen für die Kreditnehmer. In den Augen der Leute ist dann oftmals die Bank schuld. Es ist ja gerade Mode, auf die Banken und Banker draufzuhauen. Aber wenn ich mir überlege, wie gewissenhaft alle Lokalbanken in Südtirol arbeiten, wie sie auch weiterhin noch Kredite vergeben, wo man oft auch sagen könnte, nein, das lohnt sich eigentlich nicht, dann trifft das einfach nicht zu.
Ist der böse Banker, der schuld an der Krise ist, nur ein Märchen?
(Lacht) Die meisten Banker, die ich kenne, sind ganz normale, anständige Menschen, die auch ein Gewissen haben – so wie in jedem anderen Bereich auch. Klar, es gibt auch ein paar, die sind ein wenig grenzwertig unterwegs. Die sitzen aber sicherlich nicht hier in Südtirol – und oft auch nicht mal in einer Bank, sondern etwa bei großen Hedgefonds. Und diese Investoren bringen das Geld natürlich dorthin, wo es unter den Gesichtspunkten Risiko und mögliche Rendite am besten ausschaut. Da gibt es keine Emotionen, da geht es einfach um Mathematik. Und wenn wir ganz ehrlich sind, machen wir das mit unserem eigenen Geld doch auch alle ein bisschen so. Insofern mag ich es nicht so besonders, wenn für alles immer sofort ein Schuldiger gesucht wird, damit man sich selbst weniger schuldig fühlt.
Merken Sie und Ihre Bank, dass jetzt ein kühlerer Wind bläst?
Die Leute sind schon deutlich kritischer als vorher und schauen sich genau an, was wir machen. Und das ist ja auch gut so. Aber im Moment gefällt mir eher die Rolle der Politik nicht besonders, die es geschafft hat, ihre eigenen Versäumnisse in der Schuldenthematik auf die Banken abzuwälzen. Vor drei Jahren war es ja sicherlich richtig, die Schuld an der Krise den Banken zu geben. Diesmal sind die Banken aber die Leidtragenden der unzureichend getroffenen Vorkehrungen der Politik und der Staatsverschuldung.
Wenn Sie, wie vorhin angedeutet, die Kreditzinsen erhöhen, wird es mit den Sympathiepunkten weiterhin bergab gehen.
Das ist in der Tat zu befürchten, aber wenn wir es nicht tun und uns damit selbst schwächen, wird das mittelfristig noch weniger Freude auslösen. Wir als Sparkasse versuchen, eine gesunde Balance zwischen Stabilität und Rentabilität zu halten. Da müssen wir einfach wieder auf ein gutes Gleichgewicht kommen. So, dass das soziale und wirtschaftliche Umfeld sagt: Es ist ok, dass die Geld verdienen, denn das ist auch Ausdruck einer Stabilität. Im Moment sind wir schon auch zuweilen Getriebene des Marktes, das gebe ich gerne zu. Unser Gestaltungsspielraum hat sich in den letzten Jahren eingeengt. Bis vor drei Jahren war Banking relativ einfach, das hat sich nach der Krise 2008 signifikant geändert. Heute ist es echt anspruchsvoll – die deutlich höreren aufsichtsrechtlichen Anforderungen sind hier nur eine Facette. Aber für mich ist das auch eine Herausforderung: Jetzt zeigt sich, wer’s kann.
Wie hart wird die aktuelle Krise Südtirol treffen?
Die Krise wird auch auf Südtirol Auswirkungen haben, denn das Land ist nicht losgelöst vom Rest der Welt. Aber eines muss man schon feststellen: Es gibt in Europa wenige Ecken, wo zu sein es zur Zeit vorteilhafter wäre als in Südtirol. Wer hier über Missstände klagt – das muss man einmal sagen – tut es auf hohem Niveau. Auch verglichen mit Europa.
Die Frage ist, ob das auch in Zukunft so bleiben wird?
Ich glaube schon. Südtirol hat eine wahnsinnige Widerstandskraft und auch den Kampfgeist, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das man ja oft den Amerikanern nachsagt. In diesem Fall ist diese Geschlossenheit und innere Verflechtung, die weiß Gott oft auch negative Auswirkungen hat, meiner Meinung nach schon ein Vorteil. Das hält zusammen, und hier kämpft man für das, was man sich erarbeitet hat. Das gibt mir die Zuversicht, dass Südtirol diese Krise gut überstehen wird.
Wenn man sich so bei Unternehmern umhört, hat man den Eindruck, dass zur Zeit Investitionen eher aufgeschoben werden.
Ja, ganz klar. Nachfrage besteht eher nach Liquidität, weniger nach Investitionsmitteln. Das ist uns als Bank im Moment nicht ganz unrecht, weil wir uns weniger Mittel auf dem Finanzmarkt besorgen müssen. Anderseits ist es für die Wirtschaft im Lande überhaupt nicht gut, das ist klar. Denn die Investition, die ich heute nicht tätige, die fehlt mir in zwei, drei Jahren. Aber da muss jeder Unternehmer wissen, wie gut und sicher er dasteht und was er seinem Betrieb zumuten kann. Klar ist: Die, die stark sind und sich jetzt erlauben können zu investieren, werden gestärkt aus dieser Krise herauskommen.
Sehen Sie die Gefahr einer Inflation?
Ja, das ist eigentlich verblüffend, denn darüber spricht niemand wirklich. Vor einem Jahr ist das Thema mal ein bisschen hochgeköchelt, aber danach war es wieder vorbei. Dabei denke ich, dass das eine reelle Gefahr ist. Dauerhaft niedrige Zinsen, das heißt viel „billiges“ Geld, sind auf Dauer einfach Gift für die Preisstabilität. Das heißt, die Zinsen werden wieder steigen, und dann wird es für Unternehmen ganz schwierig, die nicht liquide sind.
Hat Südtirols Wirtschaft ein Strukturproblem?
Ja und nein, dieses Kleinteilige der Wirtschaft war bisher immer ein Vorteil für Südtirol. Natürlich sind die großen Südtiroler Unternehmen, die ja auch international tätig sind, ein tolles Aushängeschild. Die vielen Mittel- und Kleinbetriebe sind meiner Meinung nach aber das eigentliche Rückgrat der Südtiroler Wirtschaft. Und darauf sollte man sich auch besonders konzentrieren. Auf der Effizienzseite gibt es hier aber sicherlich noch vielfach großes Potential.
Interview: Peter Seebacher
(Erschienen im Südtirol Panorama November 2011)