Stefan Pan, Präsident des Südtiroler Unternehmerverbandes, sieht trotz unsicherer Wirtschaftslage die Südtiroler Betriebe wieder im Aufwind. Gleichzeitig mahnt er wichtige strategische Maßnahmen an. Der Idee einer Finanzautonomie für Südtirol ist er nicht ganz abgeneigt.
"Die Unsicherheit ist derzeit sehr groß"
Stefan Pan: „Den Optimismus der heimischen Unternehmer gilt es zu fördern und zu unterstützen“
Südtirol Panorama: Herr Pan, Sie sind Unternehmer und gleichzeitig Präsident des Unternehmerverbandes. Wann denken Sie mal nicht an Wirtschaft?
Stefan Pan: An Wirtschaft zu denken heißt auch, nicht an Wirtschaft zu denken. Wirtschaft steht im Zusammenspiel mit den verschiedensten Facetten unserer Wirklichkeit. Dieses Zusammenspiel gilt es vor Augen zu haben, um überhaupt Wirtschaft verstehen zu können.
Sie sind seid 15 Monaten Präsident des Unternehmerverbandes, sind Sie mit der Entwicklung von Südtirols Ökonomie zufrieden?
Wir befinden uns im Moment in einer sehr schwierigen Lage. Die Krise, von der Italien derzeit besonders betroffen ist, beeinträchtigt nicht nur die Wirtschaft, sondern die ganze Gesellschaft. Südtirol verfügt über die besten Voraussetzungen, um auch diese Krise zu meistern. Allerdings müssen unbedingt wichtige strategische Maßnahmen auf lokaler Ebene gesetzt werden. Bürger und Unternehmen müssen steuerlich entlastet werden, soweit dies der Spielraum des Landes zulässt. Die Ressourcen müssen dort gebündelt werden, wo der größte Mehrwert entsteht, nämlich in den beiden Bereichen Innovation und Internationalisierung. Gelingt dies, so ist durchaus weiterhin eine positive Entwicklung der Südtiroler Wirtschaft möglich.
Mit welchen Schwierigkeiten hatten Ihre Mitglieder in den vergangenen zwölf Monaten vor allem zu kämpfen?
Wie das kürzlich vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) der Handelskammer veröffentlichte Wirtschaftsbarometer deutlich zeigte, haben die Unternehmen vor allem mit der hohen steuerlichen und bürokratischen Belastung zu kämpfen. Auch die steigenden Rohstoff- und Energiepreise machten unseren Unternehmen zu schaffen. Genauso wie das Liquiditätsproblem, mit dem viele Unternehmen zu kämpfen hatten und haben.
Besonders große Schwierigkeiten hatte das Baugewerbe. Ursachen dafür sind die zögerlichen Investitionen sowohl von Seiten der öffentlichen Hand als auch der Privatpersonen. Gerade im Bereich der öffentlichen Ausschreibungen kam es aufgrund der gesetzlichen Änderungen zu einem regelrechten Stillstand. Zudem müssen die Unternehmen meist sehr lange auf die Auszahlung der Baufortschritte warten, was wiederum ein starkes Liquiditätsproblem verursacht.
Südtirol steht wirtschaftlich gesehen in vielen Dingen besser da als der Rest Italiens. Die Landesräte Widmann und Theiner möchten eine Finanz- und Vollautonomie Südtirols. Wie stehen Sie dazu?
Südtirol ist gut beraten, alles zu tun um die Autonomie soweit als möglich auszubauen. Dadurch können die Voraussetzungen für zukunftsweisende Maßnahmen geschaffen werden.
Wo liegen die Zukunftschancen für Südtirols Unternehmen? Sie betonen ja immer wieder, dass im Bereich Export für Südtirols Betriebe noch Vieles möglich wäre.
Ich sehe hier vor allem zwei Riesenchancen, auf die wir als Unternehmerverband immer wieder hinweisen: Internationalisierung und Innovation. Unsere Unternehmen müssen einfach noch stärker im Export tätig werden. Wenn wir daran denken, dass von den rund 3.000 Unternehmen, die zwischen fünf und 50 Mitarbeitern beschäftigen, nur etwa 850 im Export tätig sind, wird offensichtlich, welches Potential hier noch brachliegt. Unsere weltweit tätigen Mitgliedsunternehmen zeigen, dass man auch als kleiner Südtiroler Betrieb international erfolgreich sein kann.
Eng damit verbunden ist die Innovation. Nur sehr innovative, hochtechnologische, qualitativ herausragende Produkte werden auf internationaler Ebene Erfolg haben. Natürlich muss das Preis-Leistungsverhältnis stimmen. Daher betonen wir immer wieder, dass es bei Innovation nicht nur um Produkt- sondern auch um Prozessinnovation geht.
Was versprechen Sie sich vom Treffen zwischen Confindustria und dem Bund Deutscher Industrie (BDI), das am 20. und 21. Oktober 2011 in Bozen stattfinden wird?
Es handelt sich dabei um das erste Gipfeltreffen zwischen den Dachverbänden der Industrie Italiens und Deutschlands. Daran teilnehmen werden Spitzenunternehmer aus beiden Ländern. Ich bin stolz, dass dieses Treffen bei uns in Südtirol stattfindet. Dies verdeutlicht, welche Brückenposition unser Land in Europa einnehmen kann.
Dieses Treffen wird dazu beitragen, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu stärken und Lösungsansätze für die derzeitige schwierige Situation auszuarbeiten.
Laut Landesinstitut für Statistik (Astat) sank die Anzahl der neu gegründeten Unternehmen in Südtirol zwischen 2003 und 2008. Ist Unternehmer zu sein kein erstrebenswertes Ziel mehr?
Es ist heute schwieriger denn je, unternehmerisch tätig zu sein. Man muss nur an die Vielzahl an bürokratischen Auflagen denken. Ich bin aber gerne Unternehmer, und das sind meine Unternehmerkollegen auch alle. Eine Strukturschwäche der Wirtschaft unseres Landes liegt darin, dass wir viel zu viele ultrakleine Betriebe haben – die tun sich zunehmend schwer, die Markthürden zu überwinden. Wir müssen die Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen fördern. Zu viele kleine Betriebe zu haben halte ich langfristig nicht für eine erfolgreiche Strategie.
Die Umsätze der Südtiroler Unternehmen sind im vergangenen Jahr wieder gewachsen. Wird dieser Trend anhalten?
Es stimmt, die schweren Einbußen des Jahres 2009 konnten in bestimmten Bereichen wieder wettgemacht werden. Die Unsicherheit ist derzeit aber sehr groß, die internationale Wirtschaft steht auf sehr wackligen Beinen. Finanzkrise, Schuldenberge, arabischer Frühling und Rohstoffpreise – um nur einige Schlagwörter zu nennen.
Dennoch sind die heimischen Unternehmer sehr positiv gestimmt. Diesen Optimismus gilt es zu fördern und zu unterstützen.
Lassen Sie uns einen Blick in die Glaskugel werfen: Wie werden die Bilanzen der Unternehmen im nächsten Jahr aussehen?
Die zuvor genannten Unsicherheitsfaktoren werden sicherlich auch Auswirkungen auf die Renditen haben, abhängig vom Sektor, in dem ein Unternehmen tätig ist. Die Entwicklung ist leider schwer einschätzbar. Wie schnell sich alles ändern kann, haben die letzten Monate gezeigt. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Südtiroler Wirtschaft auch das kommende Jahr gut meistern wird und die vielen Arbeitsplätze erhalten kann.
Interview: Peter Seebacher
(Erschienen im Südtirol Panorama Oktober 2011)