
Heinz Peter Hager ist Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Rechnungsprüfer mit Büros in Bozen und Mailand. |
Der anerkannte Bozner Wirtschaftsprüfer Peter Heinz Hager liest aus den im Südtirol Panorama Ranking angeführten Bilanzzahlen eine positive Entwicklung der Südtiroler Wirtschaft heraus. Für den weltweiten Wettbewerb sieht er die hiesigen Unternehmen aber noch nicht gewappnet.
Südtirol Panorama: Herr Hager, nachdem Sie das Südtirol Panorama Ranking der Top 300 gesehen haben: Wie geht es Südtirols Wirtschaft?
Heinz Peter Hager: Also wenn man die Kennzahlen anschaut und sieht, dass von den ersten hundert Unternehmen nur 14 mit einem Verlust und die anderen alle mit einem Gewinn abgeschlossen haben, dann meine ich, dass es nicht so schlecht aussieht. Berücksichtigt man außerdem, dass von den ersten hundert Unternehmen nur sechs einen negativen Cashflow aufweisen, dann wird klar, dass die Situation der Unternehmen sogar gut ist. Allerdings kann man aus dem Ranking auch herauslesen, dass es dem Bausektor immer noch schlecht geht und dass der Autohandel weiterhin schwierig ist. Außerdem sieht man, dass die eine oder andere Firma von der Finanzkrise etwas später getroffen wurde und ihre Reorganisationsmaßnahmen noch nicht abgeschlossen hat. Eines ist aber sicher: Die Zahlen von 2010 sehen bedeutend besser aus als jene von 2009.
Kann man bezogen auf das Bilanzjahr 2010 also von einer Erholung der Südtiroler Wirtschaft sprechen? Auf jeden Fall. Gerade jetzt, in dieser unsicheren Situation, wo das Thema einer durch Staatsverschuldung verursachten Finanzkrise im Raum steht, taucht immer wieder die Frage auf: Wird 2011 so ein Krisenjahr wie 2009? Wenn man sich dann aber bei den Unternehmen umsieht, dann wird schnell klar, dass die Betriebe im Jahre 2011 weit besser aufgestellt sind als 2008. Die Situation ist durchwegs erfreulicher als noch vor zwei Jahren.
Was können uns die Kennzahlen nicht sagen? Nun, was man aus Ihrer Rangliste nicht herauslesen kann, sind zwei Dinge: einmal der Verschuldungsgrad und die Liquiditätssituation der Unternehmen und zum anderen die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe. Ich denke, dass gerade in Zukunft diese beiden Themen, Liquidität und Verschuldungsgrad, immer wichtiger werden. In einer Welt, in der der Zugang zu Finanzressourcen immer schwieriger wird, sind das wesentliche Themenbereiche.
Was bedeutet es für Südtirols Wirtschaft, wenn so starke Unternehmen wie Leitner und Tecnoalpin zweistellige Umsatzrückgänge verbuchen müssen? Nun, ich würde das nicht überbewerten. Einmal sind beide Firmen im Projektgeschäft tätig, das heißt, ein, zwei Aufträge mehr oder weniger im Jahr und schon verändert sich der Umsatz um mehrere Millionen. Außerdem wurden im Ranking die Einzel- und nicht die Konzernbilanzen berücksichtigt.
Sind Südtirols Unternehmen für eine weitere Krise gerüstet? Kurzfristig gesehen stehen Südtirols Unternehmen gut da, langfristig gesehen – glaube ich – sollten schon einige Maßnahmen gesetzt werden.
Wo sehen Sie Handlungsbedarf? Ich sehe da mehrere Bereiche, in denen etwas passieren sollte. Erstens einmal sollte bedacht werden, dass auch Südtirol sich innerhalb einer mittlerweile globalisierten Wirtschaft befindet. Das macht eine Internationalisierung notwendig, wenn man überleben will. International tätig zu sein verlangt nach der Vergrößerung der Dimension und noch mehr Professionalität. Der Bereich Forschung und Entwicklung, der ja oft in diesem Zusammenhang genannt wird, ist ein weiteres Feld, auf dem Verbesserungen durchgeführt werden sollten. Zusammengefasst: Südtirols Unternehmen sollten einen Schritt in Richtung Professionalisierung und Dimensionalisierung tun, um in dieser globalen Wirtschaftswelt erfolgreich sein zu können.
Auffällig sind die starken Umsatzzuwächse von Unternehmen, die im Bereich alternative Energien engagiert sind. Wird dieser Trend anhalten? Ich denke, da gibt es einen sehr positiven Aspekt und das ist jener, dass die Südtiroler Wirtschaft imstande war, erfolgreich an diesem Trend der alternativen Energien teilzuhaben. Auf der anderen Seite muss man auch ein wenig differenzieren, denn es gibt ja Unternehmen, die so genannte EPC-Kontrakte abschließen. Das heißt, sie bauen Solaranlagen und das ist ebenfalls ein Projektgeschäft. Ich weiß nicht, wie nachhaltig das sein wird, im Moment kann ich das nicht beurteilen. In den kommenden Jahren sehe ich aber nicht mehr dieses starke Wachstum, das es vor allem 2010 gegeben hat. Wie nicht nur aus dem Ranking ersichtlich wird, haben Unternehmen des Bausektors weiterhin mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Wird sich diese Situation in absehbarer Zeit bessern? Meine ganz persönliche Meinung ist, dass sich der Markt eher nochmals verschlechtern wird. Ich denke, dass nur jene Unternehmen in den kommenden Jahren überleben werden, die entweder auf der Kostenseite oder in Sachen Technik und Know-how beziehungsweise in beiden Spitzenreiter sind. In diesem Fall bin ich eher pessimistisch eingestellt.
Der Präsident des Unternehmerverbands Stefan Pan spricht von Verunsicherung bei den Wirtschaftstreibenden. Sehen Sie bessere oder schlechtere Zeiten auf Südtirols Unternehmer zukommen? Wen man mit Unternehmern oder Vertretern von Banken spricht, dann erfährt man, dass heute alle Schwierigkeiten haben, die Situation einzuschätzen. Man könnte fast sagen, dass alle ein wenig desorientiert sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass es schlechter wird, ist meiner Ansicht nach größer als jene, dass es besser wird. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich sehe keine Katastrophe auf uns zukommen. Die Südtiroler Unternehmen, die Wirtschaft generell, ist recht gut und vor allem solide aufgestellt. Außer in wenigen Ausnahmefällen ist der Verschuldungsgrad vor allem der größeren Betriebe in Südtirol gering. Nicht zu vergessen ist das lokale Bankensystem im Lande, das gut funktioniert und das in den vergangenen Jahren die Unternehmen unterstützt hat und dies wohl auch in Zukunft tun wird. Generell muss ich sagen, dass die aus dem Ranking herauslesbare Entwicklung meine positive Einschätzung bestätigt hat.
Interview: Peter Seebacher (Erschienen im Südtirol Panorama Oktober 2011)
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